Die Nacht des Sterns

Im Bersntol bringen die Sternsinger mit „Canta della Stéla“ Licht und Tradition in die Häuser

Es war der 31. Dezember, und Palai lag in tiefer Ruhe. Langsam und leise fielen die Schneeflocken und die einzigen Geräusche, die die Stille des Tals durchbrachen, waren die Schritte der Sternsinger und das Pochen in Matteos Brust, wo sein Herz wie eine Trommel schlug. Es war sein erstes Mal bei der Stéla. In jedem Schritt mischten sich Stolz und Angst: der Stolz, bei diesem uralten Ritual dabei zu sein und die Angst, zu versagen.

Vor dem Haus der Familie Lenzi leuchtete der hoch getragene Stern dann auf einmal nicht mehr. Die Birnchen flackerten und eines davon erlosch dann ganz. Einen Moment lang war es stockdunkel, und Matteo lief es kalt den Rücken hinunter. „Oh je, mein erstes Canta della Stéla wird doch nicht so enden wegen einer leeren Batterie?“, dachte er, indem ihm sich der Hals zuschnürte. Die Gruppe tauschte schweigend Blicke aus, und der Moment erschien ewig. Dann, fast wie ein Zeichen, ging das Licht wieder an.

Der schwere sechszackige Stern war wieder zum Leben erwacht: ein Gestell aus Aluminium, verkleidet mit einer transparenten Membran, innen mit kleinen Glühbirnen versehen, deren funkelndes Licht die Nacht erhellte. Matteo sah es leuchten und fühlte, dass dieses Licht auch sein Licht war.

Dann begann das Lied:
„Wir sind die drei Könige aus dem Morgenland ...“

© Archivio BKI, foto Alessio Coser
© Archivio fotografico storico provinciale - Flavio Faganello
© Archivio BKI, foto Alessio Coser
© Archivio fotografico storico provinciale - Flavio Faganello

Matteo sang leise, ein wenig unsicher. Es gab keine Notenblätter, man musste alles auswendig kennen. Jedes Mal klang der Gesang anders, je nachdem wer ihn anstimmte und welche Worte vergessen wurden – Improvisationen, die neue Traditionen erschaffen.

Die Familien von Palai warteten mit Spannung. Einige boten Kekse an, andere Glühwein, oder ein paar Münzen. Und zwar nicht nur als Geste der Gastfreundschaft: Diese Spenden kamen auch der Kirche und der Gemeinschaft zugute.

Haus für Haus, Laterne für Laterne erhellte der Rundgang der Stéla die Silvesternacht. Die erfahrenen Stelari gaben den Ton an und leiteten den Gesang sicher. Die Älteren redeten mit Nostalgie von den Cante und den Koskrötn, den Sternsingern der Vergangenheit. Matteo hörte gebannt zu.

Als am Ende des Rundgangs das Licht der letzten Laterne ausging, verspürte er eine Mischung aus Stolz, Dankbarkeit und Ruhe. Er hatte gefürchtet, der Sache nicht gewachsen zu sein, aber ihm war klar geworden, dass bei der Stéla das Dabeisein zählt, und nicht die Perfektion.

Und das Licht, das zunächst nicht brennen wollte, erschien ihm fast wie ein Zeichen: Selbst wenn die Traditionen zu erlöschen scheinen, genügt ein Moment, und sie leuchten wieder. In dieser Silvesternacht in Palai fühlte Matteo, dass er sein Licht entzündet und seinen Platz im Tal gefunden hatte.

Valle dei Mòcheni

Zwischen Mythos und Realität
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Veröffentlicht am 20/01/2026